Fluss mit Fieber – Wie die Erft dem Tagebau zum Opfer fällt
29. Oktober 2012

Ein Fluss hat Fieber

Der Braunkohletagebau hat das Flüsschen Erft in eine Wasserautobahn verwandelt: Mehrere hundert Milliarden Liter Grundwasser führt er jedes Jahr aus dem Abbaugebiet Hambach in den Rhein. Dafür wurde er radikal begradigt und betoniert. Rund 70 Millionen Euro soll es kosten, die Erft wieder zu einem normalen Fluss zu machen.

Das Geheimnis der Erft liegt ein paar Meter hinter der Autobahnauffahrt Bergheim-Süd. Hier fließt der kleine Fluss kilometerlang entlang der Autobahn 61. Und hier hat er eine künstliche Quelle: Unter der Erftbrücke, über die Autos aus Bergheim auf die A61 fahren, öffnet sich ein etwa drei Meter breiter Schlund aus Beton. Durch seine rostigen Gitterstäbe stürzen Tausende Liter Wasser mit lautem Tosen in den gemächlich fließenden Fluss. Das Wasser stammt aus dem Tagebau Hambach, der rund acht Kilometer entfernt liegt. 330 Milliarden Liter Grundwasser müssen dort jedes Jahr abgepumpt werden, damit die Braunkohle gefördert werden kann. Das meiste davon strömt hier in die Erft.

 Bis 2045 soll der Fluss renaturiert werden

Damit der Fluss, der als kleiner Bach in der Eifel entspringt und nach 103 Kilometern in den Rhein mündet, das Wasser schnell weiterleiten kann, verwandelt er sich hinter dem Schlund zum Kanal. Rund zwei Kilometer lang verläuft er wie ein Strich immer geradeaus. Rechts gibt es einen kleinen Asphaltweg für Jogger und Radfahrer, an der linken Uferseite weite Felder und viel Grün.

In gut einem Jahr wird es diesen Flussabschnitt wohl nicht mehr geben. Denn die Erft soll renaturiert werden. Der sogenannte Erftflutkanal ist dabei die erste von möglichen 25 Baustellen. Geplant ist, den Kanal mit Erde zuzuschütten und den Fluss durch sein altes Bett laufen zu lassen. Das schlängelt sich noch heute durch die Felder links der Erft, ist aber wegen des Flutkanals trocken gefallen.

Das Bauvorhaben ist ein Teil des Umbauprojekts „Erft 2045“: Im Jahr 2045 sind die Braunkohlevorräte des Tagebaus Hambachs wahrscheinlich erschöpft. Der Tagebau wird dann aufgegeben, die Grundwasserpumpe abgeschaltet, der Schlund an der A 61 versiegen. Rund 6.000 Liter pro Sekunde weniger werden dann in die Erft fließen – mehr als die Hälfte ihres Wassers geht der Erft dann verloren. Die Erft, die im Moment noch ein Kanal für das Braunkohlewasser ist, soll dann wieder ein natürlicher Fluss sein. Damit es so kommt, wollen der Erftverband, das Land Nordrhein-Westfalen und der Energiekonzern RWE gemeinsam 70 Millionen Euro investieren.

RWE muss nur einen Bruchteil der Kosten tragen

Den Löwenanteil von 52,5 Millionen soll das Land übernehmen, 9,5 Millionen gibt der Erftverband. RWE beteiligt sich nur mit acht Millionen an den Kosten der Umgestaltung – obwohl der Energieriese am Braunkohletagebau über Jahrzehnte bestens verdient hat. „Weil wir Mitgliedsbeiträge an den Erftverband und Wasserentnahmeentgelte an das Land abgeben, leisten wir einen bedeutsamen Beitrag zur Kofinanzierung der Maßnahmen zur Erftumgestaltung“, rechtfertigt sich André Bauguitte. Der RWE-Unternehmenssprecher schätzt, dass sich der Betrag, den RWE insgesamt beisteuert, im zweistelligen Millionenbereich befindet.

Ulrich Kern arbeitet für den Erftverband an der Umsetzung des Projekts. Er knüpft hohe Erwartungen daran. „Wir wollen mit der Renaturierung wieder mehr Tier- und Pflanzenarten ansiedeln, aber auch für die Menschen einen natürlichen Fluss schaffen, an dem sie sich erholen können.“ So soll die Erft flacher verlaufen und sich bei Hochwasser in einer Aue ausbreiten können. Außerdem, so Kern, sei es wichtig, das Flussbett zu verkleinern und den Lauf wieder kurviger zu machen. So will man verhindern, dass die Erft nach 2045 zum Stillstand kommt.

Dass die Baumaßnahmen überhaupt nötig sind, hat vor allem mit dem Braunkohletagebau zu tun. Weil die Erft durch die Tagebaugebiete Fortuna-Garsdorf, Bergheim, Frechen und Garzweiler floss, musste ihr Verlauf mehrmals verändert werden. Außerdem pumpen diese Tagebaue seit den 1950er-Jahren Sümpfungswasser in die Erft – jenes Wasser, das anfällt, wenn die Gruben entwässert werden.

Ausbau zur Wasserautobahn durch den Tagebau

Im rheinischen Braunkohlerevier hatte die Kohleförderung in den späten Siebzigern Hochkonjunktur. Und damit auch das anfallende Sümpfungswasser. Rund 900 Milliarden Liter Wasser leiteten die Tagebaue rund um die Erft zwischen 1975 und 1980 pro Jahr ein. Die Wassermenge stieg von 5.000 Litern pro Sekunde auf das Fünffache. Dafür musste das Flussbett ausgebaut und befestigt, begradigt und betoniert werden. So verwandelte sich der kleine Fluss in ein künstliches Gewässer mit viel Strömung. „Eine echte Wasserautobahn“ nennt Ulrich Kern die Erft. Um den Lauf des Flusses zu verlegen, wurde an einigen Stellen ein neues Bett aus Betonplatten gebaut. „Für Fische ist das wie im Gefängnis, weil es für sie keine Rückzugsmöglichkeiten gibt“, klagt der Ingenieur.

Doch nicht nur die steigende Wassermenge und die Verlegungen veränderten die Erft. Auch die Temperatur des Flusses stieg. Denn das Wasser aus dem Tagebau ist Grundwasser und darum sehr warm. Wenn es in Bergheim in die Erft rauscht, misst es 26 Grad. Außerdem nutzen die Braunkohlekraftwerke den Fluss, um ihre Anlagen zu kühlen – und wärmen ihn so weiter auf. Selbst im Winter ist die Erft daher nie kälter als zehn Grad. „Die Erft hat also nicht nur ständig Hochwasser“, sagt Kern, „sondern auch Fieber.“

Beides soll sich ändern. Bereits im kommenden Jahr will RWE weniger Wasser in die Erft und stattdessen über den Kölner Randkanal direkt in den Rhein leiten. Durch die Gitterstäbe des großen Schlunds in Bergheim wird dann kontinuierlich weniger Wasser fließen – bis er 2045 ganz versiegt.

Aber auch das ist nicht unproblematisch: Weil im Laufe der Jahrzehnte das Grundwasser in der gesamten Erftregion abgepumpt wurde, dürften die Nebenflüsse dann kaum noch oder gar kein Wasser mehr führen. „Bis das Grundwasser zurückkommt, wird es mindestens 50 Jahre dauern“, prophezeit Kern. Er hält es sogar für möglich, dass der Rhein dann seinen eigenen Zufluss Erft speisen muss, damit sie nicht austrocknet.

Interaktive Karte: Klicken Sie auf die Symbole für mehr Informationen über die Erft und die Braunkohle.

Erft auf einer größeren Karte anzeigen

Erst die Arbeit, dann das Vergnügen

Wracktauchen in Gasometern und Schlittschuhlaufen neben Koksöfen – endet die Energiegewinnung, erfinden sich viele Industriegelände neu. Dabei werden nicht nur Flüsse wie die Erft renaturiert, sondern ganze Wirtschaftsbrachen in Freizeitparks verwandelt. Ein Klick auf das Foto startet die Bilderstrecke. Navigieren mit den Pfeiltasten. 

Glossar

Gasometer | Hüttenwerke | Zeche

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

*

Du kannst folgende HTML-Tags benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>